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HALLO - ich bin HEIDI AGNES,
geb. 1940 in Berlin-Zehlendorf
1940-1959
Meine Kindheit und Jugend
1940 erblickte ich im Waldfriedenkrankenhaus die Welt, 1942 meine Schwester im Hubertuskrankenhaus.
Sommer 1939 mieteten meine Eltern die 25 Meter lange mit 13 Doppelfenstern versehene Obergeschoss-Wohnung in Wannsee, Königstraße 35. Dort wohnten wir bis 1949.
Durch die rechte Eichenholz-Haustür gelangte man linkerhand zum Dienstmädchen-Zimmer mit WC-Raum, nach oben zu unserer Wohnung über eine halb gewendelte mit schwarz-gelbem Kokosläufer belegte Holztreppe zum Flur mit zwei weißen Türen: links zur Küche mit Speisekammer, geradeaus zum Wohnzimmer, dahinter Esszimmer, dann Vorflur mit Abstellkammer und Vollbad und von dort in den dreißig qm großem Schlafraum mit Balkon.
Anmerkung:
Im Sommer 2005 standen mein Ehemann Klaus-Peter und ich vor dem Grundstück, blickten durch verwildertes Grün auf das lange weiße nun total berankte Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert, durch einen Anbau links erweitert, rechts nun knapp am Haus ein Zaun - dahinter zwei große Mietshäuser auf dem abgeteilem Grundstück - Zugang vom Schuchardtweg.
Es war nicht mehr das achttausend Quadratmeter Obst- und Rasen-Grundstück meiner Kindheit - weg alle blühenden Stauden und uralten Akazien, wo Opas Bienen Nektar sammelten.
September 1939 begann der Zweite Weltkrieg zu Land, Wasser und Luft.
Viele Nächte musste man mehrmals den Schutzraum aufsuchen. Bei Fliegeralarm weckte ich Mutter, überschrie das Huahuahua der Rathausdach-Sirene.
1943 konnte ich (3) aus meinem Gitterbett klettern, mich anziehen: Kleid, Gamaschenhose, Jacke, Schuhe, indes Mutter meine Schwester (1) herrichtete. Bei Sirenengeheul vom Schlafraum durch die Doppeltür auf den Balkon gelangt, sah ich am schwarzen Himmel Kriegsmaterial: Tannenbäume, kreuzende Suchscheinwerfer-Strahle, Flugzeuge, Phosphorkanister, hörte vom Kiefernwald her Knattern und Wummern. Ich öffnete das mit leuchtendem O markierte Balkon-Lattentor, tappte die Kabolineum getränkte Holztreppe hinab, links vorbei an zwei Balkon-Stützpfeilern mit Leucht-O, links die Betonstufen hinunter zum Keller, wo Mutter dann Holztür und zu unserem Luftschutzraum beide mit Spion versehene Stahltüren aufschloss. Vorne sah ich Emaille-Nachttopf, dahinter gestapelt sieben grüne Blechkisten, an den Wänden montiert rechts und links Doppelstock-Liegen mit grünen Wolldecken und Gasmasken, in der Raummitte kleinen weißen Tisch mit Petroleumlampe, an der Fensterwand auf niedriger weißer Bank Topf, Pfanne, Spirituskocher vorm Notausstieg.
Die Kasematte schützte oben ein Holzbohlendeckel, den Mutter mal im Sommer zur Seite schob, dabei ein Wespennest zerriss und uns Kindern zurief: Nicht bewegen, dann stechen die nicht!
Unser Pflichtjahrmädchen - dunkle Locken, braune Augen - brachte morgens im Weidenkorb Einkäufe. Sie wohnte in der Chausseestraße, trug uns Lieder vor aus SANG UND KLANG FÜRS KINDERHERZ (die Bücher habe ich heute noch). Ihre Schwester war 1946-51 meine Klassenkameradin.
Internet:
Das Pflichtjahr, 1938 von Nationalsozialisten eingeführt, galt für alle Frauen unter 25 Jahren und verpflichtete sie zu einem Jahr Arbeit in Land- und Hauswirtschaft. Ohne Nachweis über das abgeleistete Pflichtjahr konnte keine Lehre oder Ausbildung begonnen werden. Mädchen und Frauen sollten vorbereitet werden auf ihre Rollen als Hausfrau und Mutter. In vielen Haushalten konnte so die fehlende Arbeitskraft der Männer, die als Soldaten im Krieg waren, kompensiert werden - ausgenommen waren Frauen mit Kindern und Frauen, die ohnehin in jenen Bereichen arbeiteten.
1945 Jahresanfang: Alle Frauen sollten mit ihren Kindern Berlin verlassen. Schnee wirbelte, als man meine Mutter, Schwester, mich und eine mir unbekannte Frau mit ihren beiden Söhnen in schmauchendem, Holzgas-Ofen betriebenem, olivgrünem Planwagen in den Thüringer Wald fuhr nach Lauscha. In einem Privathaus besuchten wir Mutters Bruder, der mit Frau und seinen beiden Söhnen - vier Jahre alt und sieben Monate alt - aus Grünberg in Schlesien geflüchtet war. Als ich das Baby im Gitterbett vom Kopfende her anschaute, hörte ich: Guck nicht von oben, es schielt sonst.
Später auf schwarzweißen Fliesen eines Lebensmittelladens sah ich ein mageres blondes Mädchen in nassem Sommerkleid, verrutschten Kniestrümpfen, ohne Schuhe. Dann im überfüllten Hotel angekommen, wurde uns ein Zimmer zugewiesen.
Mutter klagte nach einigen Wochen: Das Zimmer ist zu kalt, um jeden Tropfen Wasser muß man bitten, besser ich schlage mich mit euch durch zurück nach Berlin.
Irgendwann stiegen wir in einen dunkelgrünen leeren Bus.
Der uniformierte Fahrer bat mich:
Du bist doch schon ein großes Mädchen. Guck immer schön aus den Fenstern. Wenn du einen Punkt am Himmel siehst, sag sofort Bescheid, dann müssen wir alle raus und uns platt auf die Erde legen. Das mussten wir oft.
Abends in einem Hotel wuschen wir uns in einem kalten, düsteren, gekachelten Raum auf Terrazzoboden mit Rinne, Waschbecken-Rondell in der Mitte, Duschköpfe an den Wänden. Andern Morgen entdeckte ich durch die Regentropfen am Treppenhausfenster unten auf dem Asphalt einen grünen Kleinlaster, beladen mit unserer Habe, obendrauf mein Puppenwagen.
Wir Drei nahmen Platz auf dem Rücksitz eines kleinen PKWs. Ich starrte während der Fahrt durch die geteilte Heckscheibe, denn meine Schwester erbrach sich häufig in Mutters braunen Muff, das Fell wie ihr Pelzmantel.
Am gleichen Tage erreichten wir Berlin. In Wannsee, Königstraße 35, angekommen, wartete Vater vor unserer Haustür. Er lächelte und trug mich die Treppe hoch in unsere Wohnung, wo ich mich über fremde Leute wunderte. Mutter sagte: Diese Familie ist eingewiesen, sind Ausgebombte.
Irgendwann beschwerte sich Mutter beim Wohnungsamt. So zog das Ehepaar mit ihren drei Kindern und der Oma in das ehemalige Waschhaus im Garten und nutzte den Luftschutzkeller der im EG wohnenden Witwe.
1945 April:
Ich erinnere mich an stahlend blauen Himmel - grauen Laster an der Gartenpforte - Handgemenge Uniformierter mit weinender Mutter - dass Vater festgehalten und geschoben wurde zu Männern auf der Ladefläche.
Wenige Tage später wurde ich fünf Jahre alt.
Wir haben meinen Vater nie wiedergesehen.
Tagelangen Dauerangriff übertönte Mutter, sang im Luftschutzkeller mit uns Volkslieder, dazu Akkordeon spielend. Langer Sirenenton hieß Waffenruhe und schnell die Kellertreppe rauf, Eimer und Pisspott unter den Tannen leeren. Irgendwann standen zitternde Soldaten mit einer Fernmelde-Kabeltrommel im Keller - Mutter sagte: Versteckt euch woanders - ihr seht doch, ich habe zwei Kinder.
Eines Tages erschien Opa im schwarzen Regencape, hohle dunkel umrandete Augen, grau im Gesicht, flüsternd: Lebt ihr noch? Ich habe im Staub etwa vierzehnjährige Jungen gesehen! Ich bin zweiundsiebzig Jahre alt, meine liebe Aggi ist seit sechs Jahren tot. Ich habe schon vieles erlebt, drehte sich weinend um und sang: Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.
Sein Haus war im OG mit Panzerfäusten durchschossen worden.
Bis zum Wiederaufbau 1953 wohnte Opa in seinem Keller.
Internet 2001:
Ein letztes Mal wurde Wannsee als Insellage strategisch genutzt, als sich dort im April 1945 versprengte deutsche Truppenteile zusammenzogen und sämtliche Brücken sprengten. Sie lieferten sich mit der schon bis Zehlendorf vorgedrungenen Roten Armee einen sinnlosen und verlustreichen Endkampf.
Wannsee kann für sich das fragwürdige Prädikat in Anspruch nehmen, erst mit Berlin am 2. Mai 1945 militärisch kapituliert zu haben, was über neunhundert Menschenleben kostete.
Anschließend wurden die Brücken zunächst als Notkonstruktionen wiederaufgebaut.
1945 Sommer: Aus unserem Keller waren die sieben grünen Blechkisten mit Wertsachen verschwunden, gestohlen von Leuten aus Wannsee, so die Polizei.
Einiges holte Mutter zurück, wobei wir Kinder sie barfuß in diverse Wohnungen begleiteten, gingen vorbei an Fliegen umschwirrten, Reisig bedeckten Pferdekadavern mit abgeschnittenen Schinken, Mistkäfern, Feuerwanzen, Wald-Ameisen, schwarzen Wegschnecken.
Im Wannseer Forst die zwischen liegengebliebenen Jeeps, Panzern, Panzerfäusten, Granaten, Tellerminen, Patronen gesammelten Stahlhelme und Uniformen brachte man in eine Baracke beim Rathaus. Ich erinnere mich an eine schreiende Frau in der Nähstube, dunkelrotbefleckter Stoff und Schere in der Hand: iiihh, das kann ich nicht! Jemand sagte: Stellen Sie sich doch nicht so an, diese armen Söhne...
Vor unserem Grundstück der Kiefernwald wurde abgeholzt, die Stubben gerodet. Ich sah einen unterm Baumstamm eingeklemmten Mann und verängstigte mit ihren Kindern weglaufende Frauen.
Wie im Kriege mussten alle Frauen Einsatz zeigen, ausgleichen den Mangel an männlichen Arbeitskräften.
Mutter war eingeteilt zum Walzen des Tennisplatzes in Wannsee, lernte dort Maline (25) kennen, die meinte: Ist doch besser als Steine kloppen oder Schienen schleppen, hier für die Amis den Tennisplatz zu walzen. Ständig hörte ich: Churchill, Truman Tito, Stalin, Molotow.
M. lebte mit ihrer Mutter in der Gelbklinker-Villa von Werner Petzower Straße zusammen mit 25 Siam-Katzen und drei Chow-Chow-Hunden. Von ihrer mageren Ziege im Keller durfte Mutter für meine kränkliche Schwester täglich einviertel Liter Milch abholen, ging also mit uns jeden Morgen Richtung Bahnhof die Königstraße runter bis Drogerie Hennicke (Kaufladen für Zahnseife im Blechkasten, Lysol und Sunlichtseife), kreuzte die Hohenzollernstraße und bog links ein bis ans Ende der Paetzower Straße.
1945/46 Winter: Oft stand das neu geborene Baby der im Waschhaus einquartierten Familie draußen im Korbwagen - eines Tages nicht mehr - das Mädchen war gestorben.
Darmwürmer, Flöhe, Läuse, Krätze waren verbreitet. Hustete man hieß es: Hau ab, Du hast Tuberkulose!
Keine Koks für die Zentralheizung, kaputte Scheiben unserer dreizehn Doppelfenster durch Pappe ersetzt. Mutter schob Betten und Mahagoni-Kleiderschrank aus dem Schlaf- ins Esszimmer, dessen Buchenholzmöbel in den Wohnraum und ließ an der Verbindungstür einen Kanonen-Ofen aufstellen mit Abzug in die Schornsteinwand durch mit Muffen verbundene Eisensteckrohre.
Keuchhusten und Lungenentzündung erkrankt lagen meine Schwester und ich in unseren Gitterbetten. Ich kopierte mit Kreidestiften die hinter gerahmter, rauer Glasscheibe gelegten bunten Papierbildchen. Opas Freund, Militär- und Hausarzt Dr. Biermann machte täglich Visite, anordnend: Lüften, auch bei minus 20 Grad!
Gelangweit dachte ich: Himmelblauer Fenster-Ausschnitt, Eiskügelchen auf grüne Wolldecke atmen, Füße an Steingutflasche wärmen.
Wollte man mittags ins Berliner Zentrum fahren, fand man Sitzplätze im Doppeldecker-Bus nur am Haltepunkt Wilhelmplatz am Stölpchensee, nie Rathaus Wannsee, wo Vorschulkinder Schwedenspeisung erhalten hatten.
Häufig fuhren wir Drei mit meiner an Hilosdrüsenlymphknotentuberkulose erkrankten Schwester zum Gesundheitsamt Zehlendorf und auch zum Rathaus. Dort beantragten Frauen, deren Mann vermisst war, Hinterbliebenen- und Waisen-Rente. Einmal hörte ich: Ist Ihr Mann auch nicht wiedergekommen? Wovon sollen wir leben?
1946 Sommer: Über kahlen Hügeln, die bis 1945 mit hohen Kieferbäumen bewaldet waren, sahen wir nun vom Balkon aus schöne Sonnenuntergänge. Badeverbot war noch, denn in den Havelgewässern lagen Leichen und Flugzeugwracks.
1946 September: Meine Einschulung.
Trägerkleidchen von Mutter genäht aus Gardine an, dazu Fallschirmseide-Puffärmel-Bluse, hüpfte ich in ihren selbstgestrickten Kniestrümpfen und vom Schuster angefertigten Klapperlatschen neben ihr und meiner Schwester auf Solnhofer Gartenplatten am Haus entlang, über Koksschlacke glitzerndem mit Weißtannen gesäumtem Weg durchs Gartentor auf den Sandpfad, übers Blaubasalt-Pflaster der Königstraße, rechts die asphaltierte Otto-Erich-Straße hinunter, über das Granitpflaster Chausseestraße und am Uhrengeschäft vorbei links in die Charlottenstraße zur Conrad-Schule.
Sonnenstrahlen fielen durch Spitzbogen-Fenster der Aula, Musik ertönte - weinende Frauen, kein Mann, viele magere Kinder. Aus meiner grünen, buntstiftbemalten großen Tüte dufteten selbstgebackene Roggenplätzchen. Als ich eines herauszupfte, klopfte Mutter auf meine Hand: Lass das! Andere haben keine Tüten. Ich starrte auf das schmuddelige Parkett, dachte: Lieber wäre ich bei meinen Puppen. Als mein Name fiel, gingen wir knarzende Treppenstufen runter und durch dunklen Flur zur Mädchenklasse eins B. Sechzig Mädchen wuselten sich je zu Dritt auf die Schulbänke, ich mich in die vorletzte Reihe. (Dort riss ich mir irgendwann mal durch meine Bleyle-Jersey-Hose einen langen Holzsplitter in die Pobacke). Abwartend kratze ich mit meinen Fingernägeln an grünen Löchern im schwarzen Lack des aufklappbaren Holzpults mit Federhalterrille, offenem Tintenfass und Ablagefach, bis eine hagere Frau, Dutt im Nacken, Blümchenkleid, gelbe Zähne bleckend, erschien und befahl: Ruhe bitte! Setzt euch und faltet die Hände. Ihr seht, ich gehe am Stock. Es gibt keine Lehrer an der Schule. Der Schulunterricht findet in drei Schichten statt, wochenweise vormittags, mittags oder nachmittags.
Ihr vor flacher Brust baumelndes Monokel ins Auge gekniffen, die am Bindfaden hängende Tafel-Kreide ergreifend, krächzte sie: Schreibt drei Reihen das große I wie Igel, so wie ich es zeige.
Aus weinrotem Lederranzen grabbelte ich mein Holzkästchen, schob den Deckel auf, entnahm einen Griffel, riss an der Spitze fingerbreit Papier ab und legte meine Schiefertafel aufs Pult. Schiefer auf Schiefer quietschte bei meinen Schreibversuchen. Schließlich schlurfte Fräulein Eberlein rufend durch die Bankreihen mit ihrem kleinen Wassereimer: Ihr habt Schwamm und Lappen an euren Tafeln. Wenn ihr das große I krumm oder über die roten Linien geschrieben habt, taucht zum Wegwischen hier den Schwamm ein und reibt die Stelle mit dem Lappen trocken.
Im Dezember konnten wir das Alphabet, lernten Topflappen häkeln und Knecht Ruprecht aufsagen.
Januar 1947: Wir 60 Klassenkameradinnen erhielten je eine braune Pappschablone ausgeteilt, dazu schwarzen DinA4-Pappbogen und fünf holzspäne-fusselige Papierseiten - alles sollten wir übereinander legen, halb umschlagen, zuhause im Knick an drei Stellen Zwirn mit einer Stopfnadel durchziehen, verknoten und durch die Schablonen-Spalten nur auf allen Vorderseiten Linien ziehen - ergab ein zehnseitiges Schreibheft. Bleistifte waren giftig, durfte man nicht anknabbern. Rechenkaro-Hefte musste man irgendwo kaufen.
Beim Diktat radierte ich mal ein verschriebenes Wort mit nassem Finger und erzeugte ein Loch. Fräulein Eberlein drohte mit ihrem Rohrstock, zog mich am Ohr aus der Bank: Pfui, Heidi! Schäme dich - stell dich bei der Tür in die Ecke mit dem Gesicht zur Wand! Kichern rundum, mein Hals eng, bis sie blaffte: Nimm Platz.
Überlebensration auf Lebensmittelkarten:
Pro Tag 3 Scheiben Brot, 1 Tasse Gries, manchmal 1 Klecks Butter. 50gr-Brötchen und Brotlaibe prüfte man zuhause. Bei weniger Gewicht ging man damit zurück und schimpfte: Schieberei.
In der Linden gesäumten Chausseestraße (Doppeldeckerbus-Strecke) stand man bei Sonderzuteilungen Schlange vor Fleischerei Liesche, Feinkost Starck, Milch Hönow.
Internet:
Essen und Trinken 1945: Rationierung über Lebensmittelkarten
Der deutschen Bevölkerung steht täglich eine bestimmte Menge an Lebensmitteln zur Verfügung, deren Gesamtnährwert in Kalorien angegeben ist. Die Höhe der Rationen legen die Militärregierungen der einzelnen Besatzungszonen fest. Da ein körperlich Arbeitender einen höheren Nährstoffbedarf hat als ein Kind, teilen die Besatzungsbehörden die Bevölkerung in verschiedene Kategorien ein (zum Beispiel Schwerarbeiter, Arbeiter, Erwerbslose, Kinder). Auf der Lebensmittelkarte sind die einzelnen Mengen der Produkte verzeichnet, auf die der Inhaber Anspruch hat. So stehen einem Arbeiter in Berlin täglich 65 g Fleisch, 60 g Nährmittel, 15 g Fett, 60 g Kaffee und 20 g Tee zu.
Fand ich Wildkaninchen-Baue im Wald zusammen mit meiner in der Straße Kornaue wohnenden Klassenkameradin, sagten wir zuhause Bescheid, damit der Mann mit dem Frettchen kam. Kaninchenbraten aßen wir oft.
Unserem Grundstück Königstraße 35 gegenüber (in einer Senke aus der Eiszeit) lebte in umgebautem Ziegenstall ein ausgebombtes Künstler-Ehepaar mit ihren beiden Töchtern. Die 7jährige, meine Freundin R., hatte grüne Augen und tizianrote hüftlange Locken. Ihre 15jährige Schwester - blauäugig, schwarzhaarig - wartete täglich an der Straße auf Mitfahrt in AMI-Jeeps und kam abends zurück mit Paketen.
Mutter besorgte durch Tausch ihrer Wertsachen bei den Russenfrauen in Potsdam Schreibhefte und Buntstifte, auch Lebensmittel, ging zu Fuß 1,2 Kilometer zur Glienicker Brücke, hinüber nach Potsdam und den gleichen Weg heim.
1947 Winter:Meine Schwester, unsere Freundin R. und ích mussten und konnten gut allein sein, kuschelten im Sessel.
(Das dort im Wohnzimmer hängende düstere Ölgemälde besitzt seit 1966 meine Schulfreundin Karin).
Bei Stromsperre ermutigten wir Drei uns mit Gruselgeschichten, öffneten vorsichtig die Wohnzimmertür und schleuderten Holzscheite ins Treppenhaus.
Beachten mussten wir die Durchsagen Radio Rias Berlin wegen Wasser-Ab- und -Anstellen, um rechtzeitig Eimer und Töpfe zu befüllen. Wir überwachten das Sieden im Wasserkessel auf dem Kanonen-Ofen durch regelmäßiges Einwerfen von Brennholz.
Morgens füllte ich im ungeheizten Baderaum einen kleinen Emaille-Eimer halbvoll mit kaltem Leitungswasser, stellte ihn im beheizten Wohnzimmer neben den gemusterten Wollteppich auf die Dielenbretter, ließ von Mutter heißes Kessel-Wasser hinzugießen, hauchte dann in eines der beiden Zimmerfenster ein Loch in die Eisblumen, wollte wissen: Wie ist es draußen? Zeigt das Thermometer wieder minus 20 Grad?
Schnell wusch ich mich mit Frotteelappen und Kernseife, denn abgekühlt schmeckte der in Wasser und Süßstoff gekochte Maisgries bitter. Hellblaues Wollkleid, zwei Paar Wollstrümpfe, Gamaschenhose, lange Bleyle-Hose an, Jacke und Mütze auf (genäht von Mutter aus Militär-Wolldecken), Schlüsselband und Ranzen um, trappelte ich, Holzsandalen in der Hand, runter zur Haustür, schlüpfte in die Klapperlatschen, stapfte durch den Garten zum Tor, schloss auf und schob meine Hände in meinen weißen Kaninchenfell-Muff.
Schnee klebte an meinen Holzsohlen, kein Bordstein sichtbar zum Abschaben, erreichte ich mühsam die schwere Eichenholztür der Schule.
Dort im Treppenhaus standen wir Schulkinder gegen 10 Uhr an, damit wir zwei Kellen von Amis gespendete Suppe in unsere mitgebrachten Alu-Henkeltöpfe geschöpft bekamen. Die Hälfte davon musste ich zuhause abgeben.
Auf meinen Rücken kotzte mir mal eine der hinter mir sitzenden Zwillinge. Mühsam säuberte Träulein Eberlein die eklig süße Kekssuppe von meinem Kleid am Wasserhahn im kalten Schulflur. Nach zwei Stunden durfte ich Zähne klappernd heimgehen.
Auf die am Gartenzaun als Klingelersatz hängende Bratpfanne klopfte ich mit dem daran befestigten Eisenstab bimm bimm bimm - vergeblich und mir fiel ein, ich hatte das Schlüsselbund um, denn Mutter hatte mit meiner Schwester einen Termin im Gesundheitsamt Zehlendorf. Also schloss ich das Tor auf, legte im Garten den Aluminium-Schlüssel an den Mund, pfiff darauf, meine Unterlippe blieb schmerzhaft kleben und löste sich gottlob vorm Hauseingang.
Schultoiletten und Sporthalle lagen in Schutt und Asche. Schulsport war Wettrennen, Weitspringen, Völker- und Schlagballspielen auf dem Sportplatz. Dort mussten wir auch austreten - oft zu spät für die Zwillinge, schlängelte sich ihr Rinnsal unter meine Schulbank.
Holzsandalen (Klapperlatschen), gegliedert mit Autoreifen-Gummigelenk, trug man, denn selbst auf Bezugsschein konnte man keine festen Schuhe kaufen, sondern schnitt die Kappe ab, waren sie zu klein geworden. (Meine Hammerzehen ließ ich mir 1997 richten.)
Seidenstrümpfe, mit Kopfhaar gestopft - begehrt bei Frauen der russischen Besatzungsmacht - auch Zigaretten waren Tauschobjekte gegen Lebensmittel. Unzählige Berliner in der Innenstadt verhungerten und erfroren. Viele klauten Kohlen von Eisenbahnwaggons. Kinder und Frauen suchten Heizbares: Parkbänke, Bäume, Kienäpfel, Reisig.
Briketts gab es für Mutter manchmal zugeteilt beim Kohlenhändler in der Waldstraße bei der Glienicker Brücke - holten wir ab im Jutesack auf dem Leiterwagen oder Schlitten.
Auf unserem Grundstück Königstraße 35 rodelte ich den schrägen Weg an der Seite des Mietshauses runter zur riesengroßen Douglastanne. Gern traf ich Freundinnen zum Schlittenfahren auf dem nahe gelegenen einhundertdrei Meter hohen Schäferberg und den gegenüberliegenden Golfplatz-Hügeln oder den Stolper Bergen an der Havel, wo wir sonntags mit Mutter im Blockhaus Nikolskoe zum Erbsensuppe-Essen gingen.
Internet:
Das Blockhaus wurde 1819 von König Friedrich Wilhelm III anlässlich des Besuchs seiner Tochter Charlotte und ihres Mannes Nikolaus (dem späteren russischen Zaren) im Stil eines russischen Bauernhauses errichtet.
1947 Sommer: Brennnesseln waren abgeerntet. Das Unkraut Melde war Ersatz für Spinat; Königskerzewurzeln für Schinken; Löwenzahn, Sauerklee, Sauerampfer dienten als Salat; Vogelbeeren, Pilze, Schlee-Beeren wurden eingeweckt.
Gemüse und Obst im eigenen Garten war ein Segen. Für Bedürftige legte die Stadt Kleingärten an, auch an der Königstrasse vor unserem Zaun mit der Lebensbaumhecke, von wo aus wir Kinder dem griesgämigen dürren Mann zuschauten, wie er an an seiner schiefen Bretterhütte Kartoffeln ausgrub und Unkraut zupfte.
Überlebenswichtig waren die Hamstertouren im Umland nach Werder und Caputh. Nur eine vorgeschriebene Menge an Obst und Gemüse durfte man kaufen. Mehr schmuggelte man, indem sich hinter den Kontrollposten Erwachsene aufreihten, ihre hinter ihnen Rucksack bepackten Kinder zum Weitergehen anfeuerten und man gemeinsam den langen Fußweg nahm durch sandige Kiefernwälder zum Bahnhof Michendorf. Fiel die Zugfahrt nach Wannsee aus wegen Bahndammbrand durch Funkenflug von der Dampflok, beeilte man sich zur Havel-Dampfer-Anlegestelle in Potsdam, weil von dort die S-Bahn-Strecke nach Wannsee unterbrochen war wegen zerstörter Brücke über den Teltowkanal und ab 1946 nur die provisorische S-Bahnstation Kohlhasenbrück existierte. Meist legte der durch Holzgas-Ofen betriebene Dampfer erst im Morgengrauen am Bahnhof Wannsee an - zu früh für eine Busfahrt. Also mussten wir schwer bepackt caputh-kaputt zu Fuß unseren zwei Kilometer langen Heimweg antreten.
War ich wütend, nahm ich im Sommer Klappstuhl, Tisch, Malbuch und Buntstifte zur von hohem Geissbart umgebenen Rasenfläche auf unserem Grundstück, hörte nur fernes Sirren der S-Bahn. Oder ich stromerte am Komposthaufen entlang zum Pavillon des Vermieters, um ihn zu fragen: Warum sammeln Sie die Rosenblätter auf? und er antwortete: Die rauche ich.
Am Lattenzaun zum Wald beobachteten wir Kinder Schmetterlinge, Käfer, Schnecken, Eidechsen, Vögel und in den drei Regentonnen Mückenlarven, betrampelten
auf der Wäschetrockenwiese den Bohlendeckel auf der Jauchegrube.
Unsere Verstecke waren:
- Hundehütte beim Holzstapel am Waldrand
- Buchenhecke zum Gemeindehaus Schuchardtweg
- Lebensbaumhecke zur Königstraße
- Doulastanne auf dem Rasen
- Haselnusshecke an der Laube.
Zum Baden gingen wir durchs Waldtor, die Hügel hoch, dann durch Kiefer-Schonungen hinunter an die Havel zur Badewiese gegenüber der Pfaueninsel. Im Schilf sammelten wir Miesmuscheln, wobei sich Blutegel an unsere Füße klammerten und der Bolle-Mann auf jaulendem Motorboot bimmelte mit seiner Handglocke: Eis am Stiel 10 Pfennig, mit Schokolade 20 Pfennig.
1947 September: In die 2. Klasse versetzt, schubsten mich Mitschülerinnen auf dem Schulhof hin. Mein rechtes Knie blutete und einige Tage später hatte ich Furunkel an beiden Beinen, konnte nicht mehr gehen und musste acht Wochen zuhause im Bett liegen. Mutter karrte mich täglich mit dem Leiterwagen zum Arzt, Otto-Erich-Strasse. Er drückte den Eiter aus und desinfizierte mit Jod, rollte Krepppapier um beide Beine, denn Verbandsmull und Pflaster gab es nicht.
Sulfonamide besorgte Mutter von den AMIS, rettete somit mein rechtes Bein vorm Amputieren.
1948 Frühling: Der 1945 einquartierten Familie war eine Wohnung am nahen Pohle-See zugewiesen worden. Nun spielten meine Schwester und ich allein im achttausend qm großen Garten mit drei Wasserhähnen, Rasen, Maisfeld, Tannen, Birken, Obst- und Walnussbäumen, Spier-, Haselnuss- und Himbeersträuchern, Jasmin, Flieder, Rosen. Der Vermieter erlaubte, Gemüsebeete anzulegen. Gern harkte ich, goss, zupfte Unkraut zwischen Buschbohnen und Raupen vom Salat, düngte mit Pferdeäpfeln Tomatenpflanzen.
Hinterm Lattenzaun zum Wald wuchsen 1947 Birken heran, die wir zu Höhlen verknoteten, spielten darin mit Puppen.
1948 September: Meine Schwester wurde eingeschult.
Ich kam in die 3. Klasse. Hier benotete mich die neue Klassenlehrerin mit Eins im Aufsatzschreiben, Zeichnen, Singen. Nicht mehr schüchtern und ängstlich packte ich eine mich boxende Mitschülerin, brachte sie zu Boden und setzte mich auf sie, bis wir Beide lachen mussten. Ab nun respektierte mich meine Mädchenklasse.
Alle Kinder mussten in den Sommerferien für die Schweinemast Eicheln sammeln, auch zur Herstellung von Mus - wegen der Bitterstoffe nur essbar durch mehrmaliges Aufkochen und Abseihen.
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Marshallplan, Währungsreform, Wirtschaftswunder.
Das Jahr 1948 wird für die Berliner zum Schicksalsjahr. Am 1. April kommt es zu ersten Behinderungen des Verkehrs von und nach Berlin. Die Lage wird immer undurchsichtiger. Der RIAS reagiert schnell und richtet ab 3. Mai 1948 den Berliner Blitzfunk ein, sendet täglich vierzehn Stunden. Einen Monat zuvor hatte der amerik. Kongress den sog. Marshall-Plan verabschiedet. Die Sowjets hatten die siebzehn Milliarden-Dollar schwere Aufbauhilfe für Europa kategorisch abgelehnt, können sie aber nur in ihrem Machtbereich verhindern. Am 20. Juni 1948 wird in den Westzonen die D-Mark eingeführt. Die Schaufenster sind über Nacht voll. Das Wirtschaftswunder kommt in Gang. Berlin bleibt außen vor. Marshall Sokolowski verbietet die Zulassung der neuen Währung, sie verletze die Potsdamer Beschlüsse und sie bedeutet die Vollendung der Spaltung Deutschlands. Drei Tage später verfügt er die Durchführung einer Währungsreform in der SBZ und in Groß-Berlin, die von den westlichen Stadtkommandanten sofort verboten wird. Daraufhin lassen die Sowjets ihre Muskeln spielen und schließen in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1948 alle Verkehrswege zu Land und Wasser zwischen Berlin und den Westzonen.
1948/49: Luftbrückenzeit - Blockade West-Berlins vom 24.06.1948 bis 12.05.1949:
Aufgrund rationalisierter Lebensmittel auf Marken waren viele Berliner untergewichtig. Nur Dörrgemüse wurde eingeflogen.
Alle zwei Minuten überflogen uns in Wannsee Rosinenbomberwarfen Süßigkeitspäckchen nur über Berlins Innenstadt ab.
Nach der Blockade konnte man frei kaufen: Milch, frisches Gemüse, Wurst, Schinken, Apfelsinen, Bananen, Schokolade.
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In dieser Zeit versorgten die Westalliierten die Stadt mittels Flugzeugen, auch nach Ende der Blockade gingen die Versorgungsflüge zunächst weiter. Am 27. August 1949 wurde diese Luftbrücke schließlich offiziell beendet.
1949 September: Ich kam in die 4. Klasse, erlernte die Sütterlinschrift, konnte nun die Gedichte meines Großvaters lesen.
Mutter war mit uns vorübergehend in zwei Erdgeschoss-Zimmer seines Hauses gezogen. Das im zerbombten OG befindliche Voll-Bad war wieder hergestellt, dort noch nicht die anderen drei Räume. Auf dem Dachboden trockneten wir auf Stopf-Zwirn gefädelte Apfelstücke.
Interessant war, wenn Opa im Garten - weißer Anzug, Handschuhe, Mütze, Gaze vorm Gesicht, Pfeife rauchend - das Produkt fleißiger Bienen aus seinen acht Bienenstöcken erntete. Im Keller durch Kurbeln einer handbetriebenen Schleuder ließen meine Schwester und ich aus vollen Waben den Akazienhonig in einen großen Blecheimer fließen, naschten auch davon mit Esslöffeln.
1950 Frühjahr: Mutter zog mit uns ins Sieben-Zimmer-Erdgeschoss der Jugendstil-Villa auf dem riesigen Wassergrundstück Am Kleinen Wannsee 12 - Wiedereröffnung ihrer Tanzschule.
Das Eichenparkett im Tanzsaal mussten wir einmal wöchentlich mit Stahlwolle und Bohnerwachs pflegen. Auch spielten wir mit den über uns wohnenden drei Kindern oder Nachbars drei Töchtern und den beiden Mädchen von Gegenüber, die zwei Dalmatiner-Hunde besaßen und oft mit meinen Klassenkameradinnen von Alsenstraße und Hugo-Vogel-Straße. Wir alle schwammen vom Bootssteg - meine Schwester und ich halben Korkengürtel um - durch Dampferwellen quer rüber nach Richters-Eck, dümpelnde Fäkalien grüßend: Hallo Kamerad!
Die wunderschöne Villa wurde in den 60er Jahren abgerissen, wich zehn Bungalows.
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Am 25.06.50 brach der Korea-Krieg aus und endete 27.07.1953. Er zeigte die endgültige Spaltung der ehemaligen Alliierten des Zweiten Weltkrieges. Berliner fürchteten russische Besatzung. Viele türmten in den Westen. Die Glienicker Brücke als einer der letzten Verbindungswege für den zivilen Personenverkehr aus Berlin wurde erst am 03.07.1953 gesperrt.
Mutter machte Pleite mit ihrer Tanzschule, da niemand mehr das Tanzen lernen wollte, sondern lieber in den Westen türmte. So auch überlegte Mutter, fuhr dann in den Sommerferien mit uns im Fliegenden Hamburger zu ihren Hamburger Verwandten in Othmarschen, bekam Hilfe, ließ unseren Hausrat in einer Spedition lagern und wir wohnten vorübergend bei Opa.
1951 Februar: Mutter fand in Hamburg eine Mietwohnung gegen Zahlung von zehntausend DMark verlorenen Baukostenzuschuss. Meine Schwester und ich blieben indes bei Mutters befreundeten Witwen in der Pardemannstraße, die mich erfolgreich englische Vokabeln lehrten.
1951 März: Mandel- und Nasen-Polypen-OP - anschließende ärztlich angeordnete Verschickung - meine Schwester sechs Wochen Oberstdorf, ich (10) zwölf Wochen Bad Orb.
Mutter machte den Umzug nach Hamburg-Eilbek in eine 1943 ausgebrannte und wieder aufgebaute Stadtvilla - Mietwohnung Blumenau, Hochparterre mit Etagen-Naragheizung, Küche, Vollbad, zwei und zwei halben Zimmern. Von der Loggia am Schlafraum war über Eisentreppe der Garten erreichbar und dort über einige Betonstufen der Kellerniedergang, wo wir Kinder später in dort abgestellten Pappkartons manchmal Nachwuchs von verwilderten Katzen fanden.
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§ 14 - Verlorene Baukostenzuschüsse sind Geld-, Sach- und Arbeitsleistungen an den Bauherrn, die zur Deckung der Gesamtkosten dienen und erbracht werden, um den Gebrauch von Wohn- oder Geschäftsraum zu erlangen oder Kapitalkosten zu ersparen, ohne dass vereinbart ist, den Wert der Leistung zurückzuerstatten oder mit der Miete oder einem ähnlichen Entgelt zu verrechnen oder als Vorauszahlung hierauf zu behandeln. Verlorene Baukostenzuschüsse sind auch Geldleistungen, mit denen die Gemeinde dem Eigentümer Kosten der Modernisierung erstattet oder die ihm vom Land oder von der Gemeinde als Modernisierungszuschüsse gewährt werden.
April 1951: Nun in Hamburg-Eilbek wohnend, schauten meine Schwester und ich durchs Wohnzimmerfenster gelangweilt auf den am Straßenrand geparkten braunen Borgward - genannt kackender Hund. Als die Linden in der Blumenau blühten, Kräder (Fahrräder mit Hilfsmotor) und Rollschuh-Läuferinnen vorbeisausten mit zum Kranz geflochtenem Haar (in Berlin trug man Zöpfe zu Affenschaukeln hochgebunden), trauten wir uns hinaus zu ihnen, lernten Rollkunst, Himmel und Hölle, Seilhüpfen, Ballspiele und von Mädchenschwarm Jürgen L. das Radfahren.
Wir peitschten Holzkreisel auf dem Asphalt, malten bäuchlings Kreidebilder. Fünfzig DPfennig wurde uns bezahlt für eine faustgroße Kugel Silberpapier beim Schrotthändler in der Wagnerstraße.
Spaß machte Ditschen:
In offene Hand Hochglanz-Oblate legen, Fingerkuppen unter die Tischkante schlagen - Oblate fliegt hoch, bedeckt und gewinnt einige Oblaten auf dem Tisch.
Toll auch eine Art Mau-Mau-Spiel mit Zigarettenschachtel-Vorderseiten von Juno, Overstolz, Zenussi, Camel, Ernte 23, Lux, Astor.
Mai 1951: September 1950 noch in Wannsee nach Klasse 5 versetzt, war ich nun in Hamburg eingeschult nach Klasse 6, jenem Schuljahr, wo durch amtliche Prüfung ausgelesen wurde, wer für welche Schullaufbahn geeignet ist ab Klasse 7.
Die Ausleseprüfung zur WO (Gymnasium) schaffte ich nicht.
Deshalb schickte mich Mutter zu einer Prüfungskommission im Kirchenpauer-Gymnasium (heute Ballett-Internat John Neumeier) Tapfer ging ich täglich in zwei Wochen zu Fuß ab Blumenau, Wagnerstraße, Wandsbeker Chaussee, Roßberg, über Trümmerschutt und S-Bahn-Brücke nach Hamm.
Prüfungsergebnis: Sehr gut für die TO (Realschule).
Schulformen in Hamburg - Versetzung Ostern:
6 Jahre Grundschule, anschließend:
PO Ende Klasse 9 Hauptschulabschluss
TO Ende Klasse 10 Realschulabschluss
WO Ende Klasse 13 Abitur
Internet:
Damals wurde man in Berlin im Herbst versetzt, in Hamburg im Frühjahr. Die 6-jährige Grundschulpflicht gibt es in Berlin bis heute. Begabte Kinder dürfen das 5. Schuljahr im Gymnasium besuchen.
In Hamburg hatte ich bald Freundinnen. Eine sprang sommers in Badehose von der Brücke Wagnerstraße in den Eilbekkanal.
Auf Ruinen-Grundstücken sammelten wir unter verwilderten Obstbäumen Reisig, machten Feuer und brieten Äpfel, bedeckten die restliche Glut mit Erde, die wir in Sandalen zertraten. Blasen an den nackten Füßen schlichen wir in der Dämmerung heim, vorbei am Schild Betreten des Grundstücks verboten!
1952 Ostern: Ich wurde nach Klasse TO 7b versetzt mit zwölf Mädchen meiner 6b, dazu einige der 6a und zwanzig Jungen aus der Grundschule Angerstraße wurden wir eine vierzigköpfige Gemischtklasse.
Prüfungsergebnis meiner 42 Mitschülerinnen aus der 6b:
PO Praktische Oberschule: 28
TO Technische Oberschule: 12
WO Wissenschaftliche Oberschule: 2
Meine enge Freundin und Klassenkameradin G. wohnte in der Eilenau. Ihre Mutter, Kriegerwitwe, war Buchhalterin im Nachbarhaus. G. war ein Jahr älter als ich, zeigte mir ihre Schundroman-Heftchen. Oft kicherten wir auf ihrem Balkon über das frivole Treiben hinter den Nissenhütten unten am Eilbek-Kanal. Oder wir mimten das Schlagersingen und Tanzen wie Caterina Valente. Jungs wollten wir gefallen, schön sein, wetteiferten im Abnehmen, zeigten Wespentaille durch breite Gummigürtel mit Steckschnalle. Ich schluckte Mutters Abführpillen namens Silberne Boxberger während der Sommerferien im Urlaubsort Dahme/Ostsee.
1953 Ostern: Nach TO 8b versetzt, ließ ich mich flüchtig küssen vom Freund einer in der Hagenau wohnenden Klassenkameradin. Lieber wäre mir Jürgen L. aus der Blumenau gewesen, aber der mochte mich nicht, nannte mich nur nur Klapperbein.
Nach dem Sommerurlaub mit Mutter und Schwester in Kellenhusen (Ostsee) verbot mir die Rektorin den Schulbesuch. Ich 1,60 m groß, abgemagert auf 29 Kilo, musste nun im September in der Kinderklinik Borgfelde behandelt werden. Nach drei Wochen mit Sahnekur aufgepäppelt entlassen, sollte ich erstmal zuhause bleiben, löste nun Kreuzwort- und Rebus-Rätsel, las, nähte, häkelte Einkaufsnetze, stickte Blumen auf zwei runden Leinen-Tischdecken mit Kreuz- und Plattstich, fuhr Rad (hatte Mutter von einer Freundin abgekauft), holte ein in der Wandsbeker Chaussee und auf dem Wandsbeker Markt.
1954 März: Ich besuchte drei Wochen die beiden Witwen in Wannsee, Pardemannstraße.
1954: Sommer:
Oma väterlicherseits schenkte uns Geschwistern drei Wochen Ferien auf einem Bauernhof, Lüneburger Heide, Drögen-Nindorf. Nachts lasen wir Groschenromane, tagsüber streunten wir durch Wald und Feld, singend: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die Wurstfabrik, den lässt der in die Würste beißen und wünscht ihm einen guten Appetit. Davon hörte der Dorfpastor, beklagte sich bei unserer Wirtin, die schon unsere Schundhefte entdeckt hatte. Sie beschwerte sich und ließ uns von Mutter abholen.
Musikinstrumente erlernen stand nun wöchentlich auf dem Plan zu sechs DMark/Stunde: - Akkordeon meine Schwester, ich Gitarre. Wir übten wenig - Mutter kündigte den Unterricht.
1954 September: Mit 39 Kilo Körpergewicht durfte ich (14) wieder zur Schule gehen. In der Realschulklasse 8b lernte ich eine in der Blumenau wohnende Nachbarin näher kennen. K. wurde meine Schulfreundin. Auf dem Schulweg kauften wir uns von den Groschen für häusliche Hilfe und gute Schulnoten:
Rundstück mit Rollmops, Schokodatteln, Cremehütchen, Storcks Riesen zu zwei DPfennig, Brausepulver zu fünf DPfennig, zu zehn DPfennig ein Liebesperlen-Nuckel-Fläschchen oder eine Mozartkugel.
In der Großen Pause teilten wir mein Schulbrot: vier Käse-Klappstullen mit Edamer.
Zuhause kochte ich Mittagessen, beeilte mich dann mit Einkäufen in der Wandsbeker Chaussee, denn Freundin K. besuchte mich täglich um 14:30 Uhr. (Ihre fünfköpfige Familie - 1943 ausgebombt - wohnte auf zwei Zimmern im OG der uns gegenüberliegenden nicht zerbombten Villa ihrer Großtante.) Wir erledigten unsere Schulaufgaben am Wohnzimmertisch. Ständig mokierend beobachtete uns Mutter vom Sofa aus: Wieso braucht ihr so lange? Ich machte meine Hausaufgaben immer in einer Stunde und ging dann raus, spielte mit Jungs.
1955: Ein letztesmal fuhren wir Mädels mit der Dampflok nach Hausbruch zum Rodeln, nahmen lieber Konfirmantenunterricht wegen mal später in Weiß heiraten.
1956: Mutter trat der Kirche wieder bei. Meine Schwester (14) und ich (16) wurden getauft in der Friedenskirche Eilbek.
Patin war Oma, schenkte uns zur Konfirmation jeder ein Sparbuch über 2500 DMark - Aushändigung von Mutter bei Volljährigkeit mit 21 Jahren.
Ich durfte das bislang von Mutter untervermietete kleine Zimmer beziehen. Hier klönten meine Schulfreundin und ich nun unbeobachtet bis 19 Uhr, rechneten, schrieben, lernten auswendig, malten, teilten meine vier großen Apfelsinen.
Meine Schwester kümmerte sich wenig um ihre Schularbeiten, sondern briet lieber für uns in einer großen Pfanne Kiensches mit Butter, Zucker, Dosenmilch.
1956 Sommer: In den Ferien war ich drei Wochen bei Opa in Wannsee - Busfahrt sieben Stunden Hamburg-Berlin über Helmstedt, Hin- und Rückfahrt vierzehn Mark - übernachtete bei Mutters beiden Freundinnen in der Villa Paetzower Straße.
Tagsüber fuhr ich mit Doppeldeckerbus und S-Bahn nach Schöneberg, Tauentzienstraße, besuchte die Dachterrasse des KaDeWe, aß dort zu Mittag für 1,50 DMark: Suppe, Rotkohl mit Kartoffeln und Bratwurst, Nachtisch Kompott.
Abends lud mich Opa ein zu einer Flasche Wein auf seiner Terrasse - sein Freund war Weinbergbesitzer.
Um 22 Uhr musste ich zurück ins Quartier Mutters befreundeter Damen von Werner, Villa Paetzower Straße, mit denen ich meist noch auf ihrem Balkon zusammensaß, häufig quasselnd bis Morgengrauen - auch über Männer, für mich ein Novum.
1956 Herbst: Meine Schwester, meine Schulfreundin und ich gingen das erstemal abends aus - wie schon lange unsere Klassenkameradinnen.
Ungesehen zogen wir uns im Keller um: knielanger dunkelblauer Marine-Troyer, schwarze Gabardine-Hose, olivgrüner Parka-Mantel, braune Mokassins an, Lippen pinkfarben mit Margret Astor Nr. 10, Nägel rot lackiert, Augen kajal-schwarz umrandet, parfümiert Tabac von Mäurer und Wirtz, Straßenbahnfahrt Linie 3 bis Gänsemarkt, schritten wir steifbeinig zum Kellerlokal, Colonnaden 15. Hinter uns schlendernde Jungs kicherten: Fräulein, Ihre linke Wade eiert. Vor der Treppe am Barett lauerten Halbstarke in schwarzer Lederjacke und Existenzialisten in grünem Parker und kariertem Mohair-Schal. Von den Exis ließen wir uns hinunter führen zum Michael Naura Quintett, lernten tanzen: Blues Boogie, Swing, Rockn Roll.
Internet:
Das Barett existierte von 1953-66. Es lebte von der Bebop- und Hardbop-Szene, Dixieland wurde dort gar nicht gespielt. Trotzdem galt es nicht als reiner Modern-Club.
2023 als Dreiundachtzigährige voller Erinnerungen an meine Teenagerzeit in den 50er Jahren spazierte ich dort vorbei:
Dies Lokal heißt heute Comebuy, ist eine Bar für alkholfreie Getränke.
Das Stühle-Schmeißen-Konzert von Chris Barber am Dammtor besuchte damals meine Schwester allein, entkam dem berittenen Polizei-Einsatz.
Im Künstler-Kellerlokal Palette ABC-Straße wählten wir in der Musikbox für zwanzig DPfenning das Stück Harlem Nocturne - so auch der smarte siebzehnjährige Wäscherei-Lehrling Pit. Interessant fand ich seine Hobbys Malen und Angelsport, freundete mich mit ihm an - kontrollierte zuhause bei ihm die Führung seiner Berichtshefte - mehr war nicht.
Gern besuchten meine Schwester und ich zu zwei DMark Eintritt das exklusive Jazzlokal Pigalle. Dort musste man durchgestylt erscheinen - wir kauften uns secondhand von der Klofrau Dammtorbahnhof für zehn DMark hochhackige Pumps.
Nur mit Volljährigkeit (21) durfte man bis nach 22 Uhr unterwegs sein. Oft viel später schlich ich (16) durch Haustür (Pumps in der Hand) und Wohnungstür in mein Zimmer - Pulli, Rock, Petticoat, Strumpfhalter, Nylons aus, Nachthemd an - duschen wäre zu laut gewesen. Klopfte gegen 07:30 Uhr Schulfreundin K. von draußen an mein Zimmerfenster, hatte ich verschlafen. Schnell Klamotten an, Stullen aus dem Kühlschrank gerissen - rannten wir in knapp acht Minuten zur Schule.
1957 Ostern: Meine Mittlere Reife nach Kl. TO 10 Schule Hasselbrookstraße 61.
Fotos hier: http://www.hasselbrook-wietscher.de
Meine Schulfreundin und ich gehörten zu den Besten, durften die letzten zwei Jahre am Französisch-Unterricht teilnehmen.
Wir sollen das Abitur machen empfahl unsere Klassenlehrerin W., besonders meiner Schulfreundin K.
Sie wurde von ihren Eltern zur Technischen Zeichenschule Heinze geschickt und mir (17) versagte Mutter eine schulische Ausbildung zur Modezeichnerin, weil meine Halbwaisenrente nur bis zu meinem 16ten Lebensjahr gewährt wurde.
Meine Schwester (fast 15) verließ nun nach Klasse 9 unsere Realschule Hasselbrookstraße. Mutter meinte: Man kann trotzdem Karriere machen.
Ich musste mir eine Lehrstelle suchen, wollte Medizinisch-Technische Assistentin werden. Das Arbeitamt riet mir, ich solle Technische Zeichnerin im Schiffbau werden, mich vorstellen bei Deutsche Werft. Am U-Bahnhof Baumwall scheute ich die feixenden Männer auf der Barkasse, fuhr heim.
1957 Mai: Auf der sog. Hungertreppe sitzend im Jazzlokal Pigalle verknallte ich mich in den hübschen achtzehnjährigen Gärtner-Lehrling. Bald lud er mich zu sich nach Hause ein - seine Eltern waren verreist. Mit ihm hatte ich mein erstes Mal, mied ihn fortan, denn bei Schwangerschaft hätte ich ihn heiraten müssen.
§ 218 vom 15. Mai 1871 wurde das erste Mal 1974 reformiert durch sog. Fristenlösung.
Bis dahin galt folgende Rechtsprechung:
1) Paragraph 218 Absatz 1 StGB: Eine Frau, die ihre Leibesfrucht abtötet oder die Abtötung durch einen anderen zulässt, wird mit Gefängnis, in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bestraft.
2) Paragraph 218 Absatz 1 StGB: Wer sonst die Leibesfrucht einer Schwangeren abtötet, wird mit Zuchthaus, in minder schweren Fällen mit Gefängnis bestraft.
1957 Juli: Nach dreimonatiger Orientierungs- und Findungsphase fand ich eine Ausbildungsstelle in einem kleinen Architekturbüro in Eppendorf.
Ich sollte auch die Büroarbeit erledigen, wurde geschickt zum sechsmonatigen Steno- und Schreibmaschinen-Kurs bei Höhere Handelsschule Lülsdorff in Harvestehude, Johnsallee.
Begründung: Lehrverträge werden bei uns nie geschlossen. Als Anlernling mit 125 DMark netto verdient man mehr.
70 DMark musste ich Mutter abgeben, 55 DMark blieben mir für Kleidung und Mittagessen, Obst und Karotten - gekauft in meinen selbst gehäkelten Netzen dienstags und donnerstags vom Isemarkt.
Zum Frühstück kochte ich mir zuhause Brei mit Wasser, Milch und vier Esslöffeln Köllns kernige Haferflocken.
Abendbrot fiel für meine Schwester und mich aus - wir besuchten lieber Hamburgs Jugend-Lokale.
Ich schloss um 09:00 Uhr auf (Chef und Sozius erschienen später), arbeitete bis 18 und sonnabends bis 12 Uhr, war die einzige Angestellte, saß im größten mit rotem Linoleum ausgelegtem Souterrain-Raum mit fünfflügeligem Fenster, selbstgewaschener Nylon-Kittel an, auf dreibeinigem Holz-Drehstuhl am Zeichentisch mit Reißschiene und Telefonanlage.
Aufforderungen zur Angebotsabgabe und Baubeschreibungen ließ mich der Chef stenografieren. Dann schob ich meinen Drehstuhl vor den Rollladenschrank, zog die Holzplatte raus, worauf ich die aus dem Tresor geholte Adler Schreibmaschine stellte und tippte auf die fünf durch vier Kohlebögen getrennte Seiten. Dreimal pro Seite durfte ich mit Perfektion-Radierstift korrigieren, bei mehr Tippfehlern hieß es: alles raus und neu tippen! (Tipp-Ex und PCs gab es noch nicht.)
Auf einer über zwei Regale gelegten Tischplatte kurbelte ich an kleiner grüner Rechenmaschine Baukosten und Maß-Ergebnisse oder faltete auf DinA4 die von mir lichtgepausten Bauzeichnungen, und ich führte die Kasse für Büromaterial. Kaffeekochen oblag mir und Saubermachen, wenn die Putzfrau fehlte.
1957 Spätsommer: Mittags heimwärts zu Fuß gehend, sollte ich am Steindamm einer Polizeistreife meinen Personalausweis zeigen - hatte ich nicht dabei, wurde zur Hauptbahnhof-Wache gebracht, wo ich zwischen grell geschminkten Frauen sitzen musste, bis mich Mutter abholte.
Zuhause dann wurde ihre Freundin aus Berlin Zeugin derben Familienkrachs.
1958 Winter: Meine Schwester hatte ihre Haare blond, ich meine schwarz gefärbt. Wir rauchten heimlich Zigaretten, trugen enge schwarze Hosen oder Kartoffelmehl gestärkte Petticoats, High-Heels mit Pfennigabsatz (deren wöchentliche Reparatur kostete zwei DMark) Nylonstrümpfe (zwanzig DPfennig pro Laufmasche).
Wir trafen uns nachts mit Studenten der Kunsthochschule Armgartstraße im Lokal Malkasten Papenhuder Straße (jetzt Dennis Swing Club).
Damit Mutter nichts merkte, gingen wir um 22 Uhr angeblich schlafen, stellten den Wecker auf Mitternacht, kletterten aus angelehntem Fenster, liefen die zwei Kilometer dorthin, kamen um drei Uhr morgens heim - ohne männliche Begleitung.
Nachts im Klohaus Mundsburger Brücke (jetzt Eisdiele) reparierte mal meine Schwester die vom Tanzen aufgeplatzte Naht meines selbst genähten Rocks mit Sicherheitsnadeln, die ich immer in meiner Handtasche aufbewahrte.
1958 Frühjahr: Wir besuchten das Riverboat in Hamm, die River-Kasematten im Hafen oder das Black Molly Lübecker Straße.
In der Bastei Caffamacherreihe trank man Cola-Rum, Pernot, Escorial grün, Bommi mit Pflaume, Puschkin mit Kirsche.
Dort lernte ich die beiden schönen, schwarzhaarigen, braunäugigen, mageren, 183 cm großen 19jährigen Zwillinge Eberhard (Jonny) und Peter kennen - beide Volksschulabschluss, wohnhaft bei ihren Eltern und Großeltern - Villa Uhlenhorst, Adolfstraße 66.
Jonny, humorvoll und sehr belesen - Tankwart-Lehrling im dritten Lehrjahr - eroberte mein Herz. Ich half ihm beim Berichtshefte-Schreiben, meine Stenogramme im Architekturbüro waren nun flott und fehlerfrei genauso mein Zehnfinger-Blind-Schreiben und meine Bauzeichnungen.
1958 Herbst: Wir verlobten uns, trugen aber nur heimlich unsere Goldringe.
Holte J. mich vom Büro ab, schlenderten wir verliebt an Alster und Kanälen, sahen oft Graues vorbeihuschen - eine von Millionen Ratten in Hamburg.
Hatte J. Spätdienst, holte ich ihn morgens ab und er begleitete mich zu meiner Arbeitsstelle entlang Außenalster, vorbei an der Villa Bellevue 4 - die mal meinen Urgroßeltern gehörte - und ich erzählte ihm, dass dort im Turmzimmer meine Mutter und ihr Bruder als Kinder das Rülpsen übten.
Bei Rot über Straßenkreuzungen gehen durfte man nicht - sofort verlangte der dort lauernde Udel bare drei DMark.
1959 Frühling: Ich wurde schwanger von Jonny - trotz unregelmäßiger seit 1957 mit Hormonspritzen eingeleiteter Mensis.
1959 Ende September: Jonny und ich badeten in diesem herrlich langen Sommer nochmal im Bredenbeker Teich. Hinterher sagten wir seiner und meiner Mutter, dass ich im Januar 1960 ein Baby bekomme.
Meine Mutter meinte nur:
Der heiratet dich ja doch nicht.
1959 Oktober: Eberhard Laue (Jonny) ließ sich amtlich für volljährig erklären und heiratete mich standesamtlich.
Ich durfte zu ihm und seinen Eltern in die Uhlenhorster Villa ziehen, die seinem Großvater gehörte.
Meine Schwiegermutter sagte nur: Du bis das beste Pferd im Stall. Sie mochte meine Mutter und meine Schwester gar nicht.
1959 November: Die Architekten kündigten mir, zahlten mein Gehalt nur bis Ende 1959 - kein bezahlter Mutterschutz.
Ihr O-Ton:
Wir sind kein Wohlfahrtsverein!
47 Jahre später gesetzlich:
14 Monate Elterngeld, bei Erkrankung des Kindes Recht auf Sonderurlaub.
1960-1964 auf Seite 3 - Meine kurze Ehe mit Jonny
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