6. Seite
HALLO - ich bin HEIDI AGNES,
geb. 1940 in Berlin-Zehlendorf
2017 - Ende
Unser letzter Lebensabschnitt
2017 Sommer: Meine in Süddeutschland lebende Schwester erreichte ich nicht, hörte von ihrer Nachbarin: Die wohnen schon lange nicht mehr hier ... sind vor etwa drei Jahren weggezogen, wohin weiß ich nicht.
Meine Schwester (ihr einziges Kind starb 42jährig kinderlos 2002) beeinflusste meine Schwiegertochter und meine beiden Enkelsöhne durch üppige Geschenke, häufige Besuche und gemeinsame Reisen.
R., geb. 1960, mein Sohn aus meiner ersten Ehe - abgewandt von mir und meinem Mann (seinem Stiefvater) seit 2008 - pflegte seit vielen Jahren engen Kontakt mit meiner Schwester.
2017 Dezember: Goldene Hochzeit Klaus-Peter und ich
Wir wurden beschenkt von Tochter Ch. (47) und Sohn St. (45) mit Blumen und einer schönen Foto-Mappe und eingeladen in jenes Lokal, wo 1967 unsere Hochzeitsfeier stattfand.
Sohn R. (57) schickte uns Rosen und Wein.
2018 Mai: Letzte Reise mit meinem jedermann sichtbar sehr kranken Ehepartner.
Meine jahrelangen Migräne-Attacken nebst Schlaflosigkeit rührten her von meines Mannes Rastlosigkeit, Rechthaberei, Respektlosigkeit, Beschimpfungen, Gewaltausbrüchen, Unordnung, Heimlichtuerei, körperlicher Ungepflegtheit.
Darum zitierte ihn mein Hausarzt bereits 2017 einige Male zu sich, dem Klaus-Peter aber nie nachkam. Mir wurde nun eine wöchentliche 50-minütige Gesprächstherapie verordnet. Die Therapeutin riet mir den Besuch der Alzheimer Gesellschaft, wo betroffene Angehörige alle zwei Wochen zwei Stunden lang ihren Kummer austauschten - ich erfuhr, dass mein Mann unheilbar krank ist und für ihn ein Pflegegrad beantragt werden müsse.
2019 Ende Januar. Nachts auf meinem Gang zur Toilette entdeckte ich Licht in meinem Arbeitszimmer, ging hinein und fand Klaus-Peter schlafend auf dem Stuhl sitzend, ging um ihn herum, sah in seinem blutüberstromten Gesicht die Platzwunde an der Stirn, befragte ihn, bekam aber keine klare Antwort wegen seiner Wortfindungsstörungen. An der Treppenhauswand entdeckte ich einen großen Blutfleck. Ich wusch Klaus-Peter im Badezimmer, brachte ihn zu Bett und rief den Rettungswagen.
Gegen zwei Uhr im Barmbeker Krankenhaus ließ er sich von niemandem anfassen, rannte durch Flure, öffnete Türen, widersetzte sich den Ärzten beim Nähen der Kopfwunde und ließ sich nicht stationär aufnehmen. Um fünf Uhr morgens fuhr uns ein Taxi heim. Zuhause riss er sich das Pflaster ab und pulte an den Fäden.
Ich rief unseren Hausarzt an und holte für Klaus-Peter ein Beruhigungsmittel. So konnte ich mit ihm am nächsten Morgen per HVV-Bus zum Röntgeninstitut fahren, wo von seinem Kopf ein CT gelang.
Diagnose: fortgeschrittene frontotemporale Demenz (FTD), also Nervenzellen seines Gehirns im Stirn- und Schläfenbereich waren größtenteils abgestorben (von hier aus werden Emotionen und Sozialverhalten kontrolliert) - er lebe nur noch wenige Jahre.
Ich war fassungslos: Warum das? Mein Schatzi !! ... einst hochintelligent, gepflegt, elegant, charmant, fürsorglich und freundlich.
1970 siebenundzwanzigjährig adoptierte Klaus-Peter meinen 10jährigen Sohn R. aus meiner 1961 schuldlos geschiedenen Ehe mit Eberhard Laue, sorgte treu für meinen Sohn R. und dessen beide Söhne J. und S., genauso wie für unsere beiden gemeinsamen Kinder, Tochter Ch. und Sohn St. und dessen drei Kinder L., M., und C.
Im Frühling 2019 übernahm ich das verwahrloste Familiengrab Ehlers von 1899 in Ohlsdorf bezahlte 25 Jahre Ruhezeitverlängerung, Bepflanzung und neuen großen Grabstein, auf dem ich Geburts-, Sterbejahre und Vornamen aller acht Vorfahren eingravieren ließ sowie Klaus-Peters und meinen Vornamen mit Geburtsjahr.
Ich übertrug GBI unsere beiden Sterbe-Versicherungen, legte die Trauer-Zeremonien fest, schloss einen Grabdauerpflege-Vertrag ab mit Vorauszahlung für 20 Jahre nach meinem Tode.
2019 April: Unsere Tochter Ch., (50) - Hüft-OP
2019 Ende Juni: Nachdem Klaus-Peter drei Tage Essen und Trinken verweigerte, schloss er sich abends alltagsbekleidet in seinem Arbeitszimmer ein, antwortete mir nicht auf Anklopfen und Zurufe. Schließlich informierte ich die Polizei, die gegen zwei Uhr sein Zimmer gewaltsam öffnete und sofort den Rettungswagen rief, da mein Mann sich unbändig gebärdete. Nur auf dem Beifahrersitz durfte ich mitfahren - Klaus-Peter wurde im Transortraum auf der Trage festgeschnallt.
Dann im Krankenhaus Heidberg wurde bei ihm aktutes Nierenversagen diagnostiziert - dies nachdem er sediert war aufgrund seiner massiven Wehrhaftigkeit. Um sieben Uhr morgens neben einem Pfleger herlaufend begleitete ich meinen auf der Liege schlafenden Mann in ein stationäres Einzelzimmer, durfte aber nicht bei ihm bleiben, bin dann schweren Herzens nach Hause gefahren.
Weiterhin Essen und Trinken verweigernd wurde Klaus-Peter nach zehn Tagen Krankenhaus-Aufenthalt in die geschlossene geriatrische Psychiatrie Ochsenzoll eingewiesen, wo er weiterhin hungerte und zwanzig Kilo verlor.
Aufgrund seines dort ausgestellten psychiatrischen Gutachtens und Geheiß des Amtsgerichtes musste ich als generalbevollmächtige Ehefrau nach sechs Wochen die Einwilligung geben für seine Verlegung in eine geschlossene Einrichtung mit Rundumpflege.
Das Haus Ilse in Norderstedt nahm Klaus-Peter auf. Abgemagert verweigerte er weiterhin jegliche Nahrungsaufnahme. Ende August kam eine Lungenentzündung hinzu - Klaus-Peter lag dann in der lntensivstation Heidberg zwei Tage im künstlichen Koma. Mit mir bangten unsere Kinder und Enkel um sein Leben.
Nach zehn Tagen Intensivstation lernte er essen und trinken, ließ Körperpflege zu, saß nun im Rollstuhl, inkontinent, stumm, nickte oft ein, erkannte niemanden mehr. Dann zurück im Pflegeheim Haus Ilse wurde mir klar, dass mein Mann nie wieder zu mir nach Hause kann.
2020 ab Januar: Corona-Pandemie
Lockdown - Shutdown - Homeoffice
2020: Ich bin 80. An meinem Geburtstag einsam und wehmütig blickend auf das ferne Haus Ilse von der Kuppe des Müllberg Hummelsbüttler Feldmark, saß ich dort zwei Tage später mit Sohn St. (48) und seinen beiden Kindern. Wir - alle maskiert - feierten traurig mit Sekt und Knabberzeug.
2020: Unsere Tochter Ch., (50) - Fuss-OP.
2020 August: Unser Sohn St., (48) - Herzinfarkt (Stent-OP),
dann Schlüsselbeinbruch durch Fahrrad-Unfall.
2020 Oktober: Meine OP linkes Knie, dann Gürtelrose.
2020 November: Meine Darmspiegelung und OP,
Diagnose: lowgrade intraepitheliale Neoplasie (Polypenrasen).
2020: Meinem Sohn R., (60) droht Vorruhestand.
2020 Dezember: Organistin/Kantorin St. Lukas starb
- Ende für mich Kirchenchor und Blockflötenkreis.
Jahreswende 2020/2021:
Corona-Ausbruch im Pflegeheim -
Klaus-Peter erkrankte und überlebte.
Heim-Quarantäne bis Mitte Februar.
Sodann 15minütige Besuche einzelner Angehöriger möglich alle 14 Tage mittags, ab April jede Woche.
Vor Betreten des Gebäudes Schnelltest und zehn Minuten draußen warten.
Bei negativem Ergebnis wurde man ausgestattet mit langem Kittel nebst FFP-Gesichtsmaske, dann durchs Heim geleitet in den desinfizierten Erdgeschoss-Raum, wo man dem bereits am Holztisch sitzenden Heimbewohner gegenüber Platz nehmen musste.
2021 November: Ich durfte meinen Mann (nun Pflegegrad fünf) aus seiner in 2019 auf zwei Jahre amtlich festgesetzten Unterbingung in der geschlossenen gerontopsychiatrischen Fachpflegeeinrichtung Haus Ilse in Norderstedt wegziehen lassen in das für mich zu Fuß erreichbare Pflegeheim Hospital zum Heiligen Geist in Poppenbüttel an der Oberalster.
Ärztlicherseits wurde mir klargemacht, dass mein schwerstkranker Schatzi sich nunmehr auf seiner letzten Wegstrecke befinde und gutgeheißen, dass ich ihn so oft wie möglich sehen möchte.
Täglich, nach Corona-Testung auf den Gelände, durfte ich Klaus-Peter ab 11 bis 16 Uhr besuchen, reichte ihm im Gemeinschaftsraum sein Mittagessen - von mir mundgerecht zerteilt. Ich rief nach dem Personal, da er weder aufstehen noch den Alarmknopf wahrnehmen oder bedienen konnte. Nach meinen Spazierfahrten mit ihm durch den Park hob ich ihn gemeinsam mit einer Pflegekraft aus seinem Rollstuhl, hakte ihn unter bei seinem unsicheren Gang durch den Flur zu seinem Einzelzimmer. Nachmittags saß Klaus-Peter dort am sonnigen Fenster im Ohrensessel von daheim - ich hielt seine Hand für Schreibversuche mit farbigen Tintenstiften, brachte ihn von bewegungslosem Starren zum Schmunzeln, zeigte auf meinem iPad seine etwa dreihundert Videos.
Mir blieben nur VHS-Online-Malkurse, Chorsingen, Querflötespielen, Spaziergänge, Büroarbeiten, Haus- und Gartenpflege, Einkäufe, Fitness-Studio.
Ich ließ unser Haus instand setzen:
Erneuerung Elektroanlage, Beauftragung von Klempnerarbeiten, Gasheizung-Installation, neue Dachdeckung, Vorgarten-Umgestaltung, Austausch aller Fenster und der Haustür.
2022 März:
Klaus-Peter, mein geliebter Schatz!
Du verließest nun diese Welt für immer, gehst mir nicht aus dem Sinn.
Ab 1964 blieben wir für immer zusammen, heirateten 1967.
1961 begegneten wir uns beim Tanzen ...
Du warst für mich jemand, der das Innere zum Leuchten bringt.
Wir hatten eine wundervolle Zeit miteinander.
Ich vermisse Dich, denke wehmütig und dankbar an:
- Oberalser-Kanufahrten mit Deinem 90 Jahre alten Holzboot,
- lange Spaziergänge,
- Alsterdampfer-Fahrten,
- Reisen mit Hund und unseren Kindern,
- familiäre Radtouren,
- Theater- und Konzert-Besuche,
- Tanzclub 1974-80 und 2006-2008,
- Camping 1972-1994,
- Reisen und Ausflüge mit unseren Enkeln,
- unser beider Studienreisen bis 2018,
- Fitnessclub-Mitgliedschaft 1993-2019,
- Anschauen Deiner fast dreihundert am PC erstellten Videos.
Du schätztest meine Malwerke in Öl, Aquarell, Tempera, meinen Sopran von Chor-im-Alstertal-Konzerten in der Laeiszhalle Musikhalle Hamburg ab 1980 und in der Kantorei St. Lukas, Fuhlsbüttel von 2012 bis 2019.
1978 bezogen wir mit unseren drei Kindern (R. 18, Ch. 8, St. 6) das im nördlichen Hamburg gekaufte 1977 neu gebaute 4geschossige Reiheneigenheim - Grundfläche 5,0 x 11 m, mit 30 qm Vor- und 115 qm Hinter-Garten.
Bei der Terrasse am Wohnzimmer legtest Du 1979 drei Goldfischteiche an, bautest darüber eine Pergola, die ich mit Kletterrosen berankte. Gemütlich saßen wir dort beim Grillen, Kaffeetrinken, Lesen, Sudoku, Schach, Kreuzworträtsel, Scrabble, hörten klassische CD- oder Radio-Musik, feierten große Partys.
Drinnen am Kamin guckten wir ARD, ZDF, NDR, 3SAT, Phönix, arte, Bayern.
Dass Du mich im Pflegeheim ab 2020 maskiert sahest, ich Dich nicht berühren, nur entfernt auf einem Stuhl sitzen durfte, wir wortlos Fernsehfilme guckten, schmerzte mich - hoffend, dass Du meine Gegenwart wohltuend spürst.
Lange lebtest Du in einer anderen Welt, gingst fort im März 2022.
Die Welt stand still, als Du gegangen bist.
Die Sonne ging unter für mich.
Aber irgendwann gibt es ein Wiedersehen
Und darauf freue ich mich.
Deine Heidi
2023 im Mai:Die Wolke mein Schutzengel bedeutet mir:
Bleibe gesund, pflege Haus, Garten, Hobbys, Musik, Malen.
Sei optimistisch für Neues - lasse los, was nicht zur dir passt!
Hermann Hesse (1877-1962)
... und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu überleben ...
BIOGRAFIE, BERUFE, SCHULE auf Seite 7
weiterlesen am Handy?
Hier unten rechts Pfeil drücken -
oben am Rand steht:
Für das Menue hier klicken